David Gutensohn: Zeit für neuen Mut zur Veränderung!

© David Gutensohn

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Alternativlos.

Es gibt keinen Begriff, der den Zustand der politischen Kultur unserer Demokratie präziser beschreibt. 2010 wurde er von der Gesellschaft für Deutsche Sprache zum Unwort des Jahres gewählt. Suggeriert er doch, dass Debatten nur lästige Anhängsel sind. Für eine ganze Generation ist der Ausdruck zum Unwort ihres politischen Lebens geworden. Folgte doch auf die Jahre der Basta-Politik das Jahrzehnt der Alternativlosigkeit. Egal ob Bankenrettung, Überwachungsstaat oder Spardiktate: alles scheint alternativlos zu sein. Wieso auch nach Alternativen streben? Deutschland geht es doch gut, so die implizierte Aussage. Die Wirtschaft boomt, der Schuldenstand sinkt und selbst die Beschäftigungszahlen sprengen alle Rekorde.

Doch Deutschland ist das Eldorado unter den westlichen Demokratien. Auf den ersten Blick schimmert die Oberfläche, aber unter ihr brodelt es. Das goldene Land ist eben doch nur eine kolumbianische Legende. Denn was sind niedrige Arbeitslosenraten schon wert, wenn viele der entstandenen Jobs den Menschen nicht zum Leben reichen? Was hat die Bevölkerung von wachsendem Wohlstand, wenn zehn Prozent der deutschen Haushalte über drei Viertel des Gesamtvermögens verfügen? Wird hierzulande von Gewinnen gesprochen, hat das meist wenig mit der Mitte oder gar dem unteren Teil unserer Gesellschaft zu tun. Was wir benötigen ist eine neue Definition von politischem Erfolg. Von Erfolg zu reden, während Millionen Menschen in diesem reichen Land in Armut leben, ist purer Zynismus. Ähnlich absurd wie den schuldenfreien Haushalt auf Bundesebene zu feiern und gleichzeitig die Zukunft der Kommunen zu versparen.

Dass nur wenige diese Scheinpolitik lautstark enttarnen, ist eine Schande. Betrachtet man die vergangenen Diskussionen um Sozialsysteme, Steuerreformen oder die Debatte um geflüchtete Menschen, muss man zu einer bitteren Erkenntnis gelangen: die gesellschaftliche Linke ist verstummt. Der Mut zur Veränderung ist verloren gegangen. Politische Debatten drehen sich nur um rechtspopulistische und marktliberale Thesen, zu denen sich gelegentlich Widerstand formiert, der sich aber nur selten in Entscheidungen widerspiegelt. Die Ursache dafür liegt jedoch nicht unbedingt in der Stärke der konservativen und neoliberalen Kräfte, sondern viel mehr in der Schwäche der deutschen Linken begründet.

Es war der politische Kampf um die ominöse Mitte der Gesellschaft, der den bis heute anlaufenden Zerfall in Gang gesetzt hat. Ein Weg der Selbstdemontage, auf dem sie sich in vielen Fällen aufgelöst, zerstritten und gespalten hat. Übrig ist ein Scherbenhaufen, der zwar einzelne Teilerfolge erzielen kann, es aber versäumt eine gesamtgesellschaftliche linke Perspektive zu entwerfen. Eine Perspektive, die fehlt um dem Paradigma unserer Zeit etwas entgegenzusetzen. In der Konsequenz fehlt die gemeinsame Schlagkraft für die Veränderung des großen Ganzen.

Dabei gäbe es genügend Alternativen im Wartesaal der Demokratie. Die vielen greifbaren Positionen warten nur darauf, aufgerufen zu werden. Nicht nur deshalb ist es an der Zeit für die Repolitisierung einer ganzen Generation. Für neue Vorbilder und Debatten um Ideen, die echte Gegenentwürfe darstellen. Solche Visionen und Geschichten möchte ich in meinem sozialen Buchprojekt „Nichtstun heißt, es tut sich nichts“ vorstellen. Denn auch wenn jene vermeintlich politischen Erfolge die tatsächlichen Probleme überschatten herrscht im Verborgenen die Sehnsucht nach neuen Impulsen. Ganze 60 Prozent der Bevölkerung sprechen der Demokratie ihre Wirkung ab und sehen sie durch Konzerne bestimmt. Eine beachtliche Zahl sieht den Kapitalismus kritischer denn je. Aber was sind die Alternativen zur aktuellen Politik? In der Öffentlichkeit sucht man sie zwischen Dschungelcamp und Pegida vergebens.

Ich wollte sie kennenlernen und begab mich deshalb auf eine Reise. Auf eine Exkursion zu den politischen Baustellen unseres Landes, um Vorbildern unserer Zeit zu begegnen, die diese nicht umfahren, sondern bekämpfen. Dabei traf ich auf soziale Pionier*innen wie den Gründer*innen der sozialen Netzwerke „Die Arche“ und der „Berliner Tafel“. Auf Politiker*innen wie Marco Bülow und Hilde Mattheis, aber auch auf Aktivist*innen wie Constanze Kurz, die „Hartz-IV-Rebellin“ Inge Hannemann und den Pflegekritiker Claus Fussek. Mit führenden Persönlichkeiten aus Nichtregierungsorganisationen konnte ich über neue Strategien zur Bewältigung der Krise unserer Demokratie sprechen. Mit engagierten Menschen wie dem sogenannten „Arzt der Armen“, dem „Zukunftslobbyisten“ oder „Anti-Sarrazin“ über Missstände, ein schweres Erbe und alltäglichen Rassismus.

Jede einzelne Begegnung macht dabei deutlich, dass unsere Gesellschaft sehr wohl sozialer, gerechter und auch demokratischer werden kann. Ihre außergewöhnlichen Lebensgeschichten zeigen, dass in jedem Einzelnen die Kraft entstehen kann aus Wut neuen Mut zur Veränderung zu schöpfen. Mut, der die Gesellschaft verändert und wie in Initiativen wie Demokratie+ in einem Strom kanalisiert werden muss, damit sich auch politisch endlich wieder etwas in die richtige Richtung bewegt. Was es dazu braucht, sind mehr Menschen, die sich sagen: Nichtstun heißt, es tut sich nichts.

David Gutensohn (22) lebt in Berlin und ist Autor, Blogger und Jungsozialist. Gerade ist sein Buchprojekt „Nichtstun heißt, es tut sich nichts“ erschienen.

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3 Gedanken zu “David Gutensohn: Zeit für neuen Mut zur Veränderung!

  1. Rainer Lipfert

    Ich gehe mit Deinem Beitrag völlig konform.
    Aber solange die Gewerkschaften keinen Kampfeswillen zeigen, und das Präkariat eher rechts als links wählt, wird sich nichts ändern

  2. Stremme Eckart

    Lieber David Gutensohn,
    versuch mal über ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Deutschen mitzudenken. Du wirst eine menge Probleme dabei los.
    Und die, die damit entstehen, kommen in jedem Falle auf uns zu. Denn
    die Insel der Seligen findet frühestens nach dem Tode statt.

  3. Die „Schwäche der Linken“ besteht im Wesentlichen darin, dass sie sich lediglich als Verbesserungsmechanismus der „Arbeiterklasse“ innerhalb des bestehenden Systems versteht. Der Klassenkampf ist jedoch zu Ende; Industrie 4.0 und der Weg in die digitale Diktatur rückt näher als je zuvor. Was wir benötigen, ist die direkte Beteiligung der Bürger an allen politischen Prozessen. Der gesamtgesellschaftliche Wandel für eine andere Wirtschaftsordnung. Gemeinwohlökonomie als Stichwort. Eine andere makro- und mikroökonomische Betrachtungsweise, damit im BIP auch Faktoren wie der Ressourcenverbrauch einfließen können. Boden, Energie, Wasser, die Lebensgrundlagen der Menschen; sie müssen zu Commons oder Gemeingütern erklärt werden. Eine gerechte Steuerreform und Umverteilung. Um die Würde des Menschen und die Handlungsfreiheit wieder herstellen und die Macht über andere Menschen brechen zu können, bedarf es natürlich eines BGEs. Es ist der Garant für Freiheit. Ja, wir haben unzählige Organisationen, die sich im Netz tummeln. Und solange wir es nicht schaffen, daraus eine gemeinsame Bewegung zu bündeln, lehnen sich die Neoliberalen bequem zurück. Eigentlich schade.

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