Für ein Praktikum in Demokratie

Nicol Ljubić 1Nicht jeder, der in einer Demokratie lebt, ist auch ein Demokrat. Das wäre ein bisschen einfach. Der Duden bezeichnet als Demokrat denjenigen, der Anhänger der Demokratie ist. Aber wie wird ein Mensch eigentlich Anhänger der Demokratie? Ein Mensch vor allem, der in einem Land wie Deutschland aufwächst, in dem die Demokratie so selbstverständlich scheint, dass viele nicht mal mehr wählen gehen. Fragte mich einer, ob ich Demokrat sei, würde ich ja sagen, wie vermutlich die meisten in diesem Land. Aber allein die Idee der Demokratie gut zu finden, macht in meinen Augen noch niemanden zum Demokraten. Es erfordert die demokratische Beteiligung. Aber wann und wo lernen wir sie eigentlich?

Als Kind habe ich im Geschichtsunterricht von den verschiedenen Herrschaftssystemen erfahren und die Demokratie ist, so wurde es mir vermittelt, das beste, weil gerechteste aller Systeme. In der fünften Klasse musste ich die Volksversammlung und den Rat der 500 im antiken Athen erklären, das ist gefühlte dreißig Jahre her. Später habe ich dann gelernt, wie das parlamentarische System in Deutschland funktioniert. Aber Wissen ist eine Sache, Erleben eine ganz andere. Die erste erfahrbare Form von demokratischer Beteiligung ist wohl das Abstimmen. Wer ist dafür, dass wir Anne ins Tor stellen? Wer ist dafür, dass wir Sackhüpfen spielen? Die Mehrheit entscheidet. Und als Kind habe ich gelernt, mich diesem Mehrheitsentscheid zu beugen, auch wenn ich überhaupt nicht einverstanden war. Abgestimmt wurde eh nur unter Gleichaltrigen. Zuhause hatten die Eltern das Sagen, vor allem mein Vater, der eher als Vorbild für einen Autokraten taugte denn für einen Demokraten. Und auch Kai aus meiner Clique brauchte selten Argumente, es reichte, dass er der größte und stärkste von uns war. Irgendwann wurden Klassen- und Schulsprecher gewählt, die erste demokratische Wahl, in der es um Ämter ging. Wir schrieben Namen auf einen Zettel, die dann ausgezählt wurden – und Anja wurde Klassensprecherin. Das war`s aber schon in Sachen demokratischer Erziehung. (Manchmal besuchen Klassen noch den Bundestag oder sitzen auf der Besuchertribüne im Plenarsaal.)

Was es bedeutet, Demokratie zu leben, nämlich Mehrheiten zu organisieren und wie mühsam und zäh und frustrierend das sein kann, habe ich erst zwanzig Jahre später erfahren, als ich in die SPD eingetreten bin, weil ich mich politisch engagieren wollte und es absurd fand, dass weder meine Freunde noch ich überhaupt eine Vorstellung davon hatten, wie eine Partei funktionierte und was man dort machte. Dabei müsste es doch so naheliegend sein, dass ein Mensch, der sich politisch engagieren möchte, in eine Partei eintritt. Schließlich sind sie es, auf die unser demokratisches System baut.

Ich erinnere mich an Abende bei den Jusos, die wir damit verbrachten, uns auf Formulierungen für einen Antrag zu einigen, was sehr viele Nerven kostete. Ich lernte auch, was es bedeutet, öffentlich zu reden, seinen Standpunkt darzulegen und dafür heftig kritisiert zu werden. Ich lernte, was für eine schwierige und undankbare Sache die Demokratie ist. Mein Eintritt in die SPD war für mich wie ein Praktikum in Demokratie. Und mit der Erfahrung, die ich gemacht habe, hat sich auch mein Blick auf die Arbeit von Politikern gravierend verändert. Wer einmal erlebt hat, wie anstrengend es ist, sich auch nur auf einen Antrag zu einigen, der bekommt eine Ahnung davon, wie schwierig und aufreibend es ist, parlamentarische Mehrheiten zu organisieren. Und der würde, davon bin ich überzeugt, Politikern für ihre alltägliche Arbeit mehr Respekt entgegen bringen. Stattdessen genießen Politiker weltweit unter allen Berufsgruppen das mit Abstand geringste Vertrauen der Bevölkerung. Ich glaube, der schlechte Ruf von Politiker hat schlicht auch damit zu tun, dass die wenigsten Menschen eine konkrete Vorstellung davon haben, was es bedeutet, Politik zu machen. Und das ist eine ernsthafte Gefahr für eine Demokratie. Denn sie leidet unter dem schlechten Ruf und dem Vertrauensverlust.

Aufs Berufsleben werden Jugendliche vorbereitet, in dem sie irgendwann Praktika machen müssen, auf die Demokratie aber werden sie nicht vorbereitet. Und das wäre, gesellschaftlich gesehen, viel wichtiger. Ich bin überzeugt davon, dass es der Demokratie gut tun würde, wenn Kinder und Jugendliche ein Bewusstsein dafür bekämen, was es bedeutet, sich demokratisch zu beteiligen. Demokratie muss erfahrbar werden. Ich plädiere für ein Praktikum in einer Partei und zwar als Pflicht. Es kann doch nicht sein, dass ausgerechnet die Menschen, die sich tagtäglich für die Demokratie verdingen und Demokraten im wahrsten Sinne des Wortes sind, so wenig wertgeschätzt werden. Zum Teil mag es an ihnen selbst liegen, vor allem aber liegt es an uns, die wir vielleicht alle paar Jahre wählen gehen, aber eigentlich keine Vorstellung davon haben, was es bedeutet, unsere Demokratie tagtäglich am Leben zu erhalten.

 

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Ein Gedanke zu “Für ein Praktikum in Demokratie

  1. Wolfgang Eduard Schlack

    Vielen Dank für die Idee eines Praktikums in der Demokratie!

    Eigentlich sind die politischen Parteien für die Willensbildung verantwortlich, jedoch sie sagen zu dem Jugendlichen: mach erst die Ochsentour und stell dich hinten an. Und, wenn du gescheit bist und eine Idee hast dann konkurriere solange bis du eine Mehrheit bekommst!

    Beides macht müde und unlustig! – Es kommt noch hinzu, beides ist undemokratisch, wer hat denn bestimmt, das dies etwas mit Demokratie zu tun hat? Aber womit hat es dann zu tun? Es ist von Anfang an autokratisch, oder etwa nicht?

    Also ich soll also als der beste Autokrat, dann erst wenn ich die Mehrheit habe, der Demokrat schlechthin sein? Das heißt heute Erdogan und Putin, früher Der Führer!

    Demokratie geht anders!

    Demokratie entsteht, wenn die Minderheitenmeinung gewürdigt wird, indem sie als Widerstand zum Mainstream in den Meinungsbildungsprozess handwerklich eingearbeitet wird und nicht als personalisiertes moralisches Verhalten verachtet wird.

    Wie geht das?

    Den Widerstand messen, den Widerstand einen Wert zuordnen.

    So entsteht systemischer Konsens und nicht diese Konkurrierei die den „Politikern“ soviel Lust bereitet!

    Ich bin jederzeit bereit, diesen Praktikumsplatz der Demokratie anzubieten.

    Mit freundlichem Gruß

    Wolfgang Schlack

    Erzieher

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