Und sie engagieren sich doch

Frage nicht, was die Demokratie für dich tun kann, sondern frage dich, was du fAnne Straube 1ür die Demokratie tun kannst.*

Reicht es, alle vier Jahre sein Kreuz auf einen Wahlzettel zu setzen? Nein!

Demokratie ist nicht nur das Recht, Vertreter in ein Parlament zu wählen, sondern auch die Pflicht für uns alle, Verantwortung über die Wahlkabine hinaus zu übernehmen.

Die Mitgliederzahlen der Parteien sinken. Demokratisches Engagement aber fand und findet nicht nur in den Parlamenten statt, sondern ganz besonders auch dort, wo es am dringendsten gebraucht wird: vor Ort und in Initiativen.

Wer den Totengesang auf unsere Demokratie singt, denkt dabei vielleicht an die wirklich frustrierende Höhe mancher Wahlbeteiligung, sinkende Mitgliederzahlen der Parteien und die Vorurteile gegenüber Politikern. Woran diese Person nicht denkt, das sind die vielen Menschen, die Verantwortung, oft lokal, übernehmen und gestalten, ohne es Politik zu nennen.

Nicht jeden mögen die großen politischen Themen interessieren. Aber wie wir zusammenleben: ob es friedlich, freundlich, gerecht und gemeinschaftlich zu geht, das haben weniger „die da Oben“ in der Hand, als wir alle selbst.

„Da Oben“ werden auch Entscheidungen getroffen, die am Ort des Geschehens nicht gut ankommen, weil es sogenannte übergeordnete Interessen gibt, klassische Beispiele dafür sind Bebauung von großen Freiflächen bei Wohnraummangel, Schließung von Schulen aufgrund sinkender Schülerzahlen, Windräder, Flughäfen, Großprojekte jeder Art und leider gehören dazu an einigen Orten auch Unterkünfte für Flüchtlinge.

Genau bei diesen Entscheidungen setzt das Engagement vor Ort an: es geht darum, sie zu gestalten oder auch die lokalen Interessen gegen diese übergeordneten Interessen durchzusetzen oder fair abzuwägen.

Dort vor Ort schließen sich fremde Menschen zusammen, um Flüchtlinge willkommen zu heißen: organisieren Spendenaktionen, geben den Kindern Sprachunterricht, bieten Yogakurse an, verwalten die Kleiderkammer, begleiten bei Behördengängen, sammeln Weihnachtsgeschenke, bieten ärztliche Untersuchungen, stellen einen Fahrdienst und veranstalten Nachbarschaftscafés zum gegenseitigen Kennenlernen.

Dort vor Ort schließen sich fremde Menschen zusammen, um gegen die Bebauung einer ihnen lieb gewordenen Freifläche zu kämpfen: setzen ein Bürgerbegehren auf, sammeln Unterschriften, werden zu Paragraphen-Spezialisten, führen Informationsveranstaltungen durch und machen Wahlkampf.

Dort vor Ort schließen sich fremde Menschen zusammen, um gegen den überdimensionierten Bau eines neuen Bahnhofs zu kämpfen: organisieren Demos, campen über Wochen, ketten sich an Bäume, diskutieren mit den Verantwortlichen und setzen eine Abstimmung über das Bauvorhaben durch.

Dort vor Ort schließen sich fremde Menschen zusammen, um für den Erhalt ihres Spielplatzes, ihres Jugendklubs, ihrer Schule zu kämpfen: vernetzen sich, laden zu Infoveranstaltungen ein, packen selber beim Bau mit an und zeigen ihren Kindern, das man sich für seine Wünsche einsetzen muss.

Einige erscheinen uns manchmal als Querulanten, ihre Motive wirken zum Teil egoistisch, man mag nicht immer ihrer Meinung sein (manchmal muss man sogar gegen ihre Meinung auf die Straße gehen), aber Politik muss sie nicht nur aushalten, nein, Demokratie braucht sie: diese Menschen, die gerne meckern, die jedes kleinste Detail kritisieren, sich aufregen, sich echauffieren, sich einmischen und im Rahmen Ihrer Möglichkeiten die Verantwortung wahrnehmen, das zu ändern, worüber sie sich so laut beschweren.

Demokratie braucht auch diejenigen, die bereit sind, strukturelle Verantwortung zu übernehmen: die Klassensprecher, Kassenwarte, ehrenamtlichen Helfer, Elternvertreter. Menschen, die bereit sind, ihre Freizeit in Diskussionsrunden und mit Anträgen auf Geschäftsordnungsänderungen zu verbringen oder sich mit trocknen Zahlen und Kalkulationstabellen auseinanderzusetzen.

Demokratie lebt auch von den Menschen, die Mut machen, in dem sie nicht mit ihrem Schicksal hadern, sondern für Veränderung eintreten, damit nicht andere das Gleiche erleben müssen. Menschen, die aufschreien bei Ungerechtigkeiten, die sich versammeln um gegen die Abschiebung ihrer Freunde zu kämpfen, Menschen, die Petitionen starten und Gesetzesänderungen erstreiten.

Dort, wo es für sie wichtig ist, nehmen viele Menschen ihre Verantwortung wahr, sie engagieren sich, sie gestalten, sie rebellieren, sie wehren sich, sie helfen, sie halten zusammen, sie kämpfen, sie scheitern, sie gewinnen, sie diskutieren, sie bauen, sie pflanzen, sie streiten, sie schreiben Anträge, sie vermitteln – sie leben Demokratie.

Sie machen Mut.

 

 

*frei nach John F. Kennedy

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